Die Form
Ein wesentliches Element des TAI CHI CHUAN ist das Üben von so genannten „Formen“. „Formen“ sind eine Bewegungsfolge, die sich aus miteinander verknüpften Figuren (auch Bilder genannt) zusammensetzen, die die einzelnen Techniken repräsentieren. Formen werden als „Soloformen“ („Einzelformen“) oder „Partnerformen“ ausgeführt. Der Begriff „Form“ meint begrifflich im Regelfall „Soloform“. Die „Soloform“ ist eine elementare Grundlagenübung und steht insbesondere im Blick auf TAI CHI CHUAN als Gesundheitsübung im Vordergrund.
Die Formenlehre orientiert sich an den 13 Bewegungsformen (8 Grundtechniken und 5 Schrittarten) und den charakteristischen Prinzipien des TAI CHI CHUAN (wie in den entsprechenden Kapiteln von „TAI CHI CHUAN SHEN GONG“ beschrieben).
Art, Umfang und Ausführung der Formen richten sich nach den unterschiedlichen Stilen. Während beispielsweise im „Chen“ – Stil schnelle Elemente und auch Sprünge enthalten sind wird die Form im „Yang“ – Stil in einem homogenen ruhigen Tempo geübt. Die bewusste Lenkung der Bewegung ist dabei ganz wesentlich auf durchgängige Entspannung gerichtet.
Im „Yang“ – Stil ist die Langform nach Yang Chen Fu als Hauptform die Grundlage auch weiterer verkürzter Formen. Stark vereinfachte Kurzformen mit 9, 11 oder 16 Bildern sind eher für einen ersten Einstieg in die Bewegungsschule des TAI CHI CHUAN gedacht. Weit verbreitet und bereits mit allen wesentlichen Elementen ausgestattet sind die „Pekingform“ und die „37er Kurzform“ nach Cheng Man Ching.
Beschreibung einer kurzen Übungsform zum Einstieg
Die Pekingform (24er Form)
Die Pekingform (Beijing-Form) wird häufig auch als 24er Kurzform bezeichnet. Sie wurde 1955 vom nationalen Sportkomitee der Volksrepublik China als vereinheitlichte Form für die Gesundheitsübungen der Bevölkerung zusammengestellt und fand schnell Verbreitung (u. a. in Sanatorien als Heilgymnastik). Die Pekingform wird ihrer Ausprägung und Intention nach also eher im Sinne der Gesundheitsübung im Sinne des QI GONG denn als Kampfkunst interpretiert. Sie gehört heute sicherlich zu den meist verbreiteten TAI CHI CHUAN – Formen und wird in vielen Kursen und Schulen gelehrt.
In der Pekingform sind einige der Bilder bzw. Figuren gegenüber dem ursprünglichen „Yang – Stil“ zusammengefasst. So setzt sich z. B. Xia Shi Du Li (Aus der tiefen Stellung hochkommen) aus den Bildern Dan Bian Xia She („Tiefe einfache Peitsche“) und Jing Ji Du Li (Der goldene Hahn steht auf einem Bein) zusammen.
Die vorangestellten Zahlen von 1. – 24. entsprechen der offiziellen Zählweise. Aufgrund nicht gezählter Wiederholungen setzt sie sich aber aus deutlich mehr Bildern zusammen (Wiederholungen und Zerlegung zusammengefasster Bewegungsabläufe mitgezählt ergeben sich 42 Figuren).
Bilder der „Pekingform
1. Qui Shi Ausgangsstellung / Einleitung
2. Zuo / You Ye Ma Fen Zong Links / rechts die Mähne des Wildpferdes teilen (3 X, links, rechts, links)
3. Bei He Liang Chi Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus
4. Zuo / You Lou Xi Ao Bu Links / rechts Kniestreifen und gedrehter Schritt
(Kniestreifen und stoßen) (3X, links, rechts, links)
5. Shou Hui Pipa Die Laute spielen
6. Zuo / You Dao Juan Hong Links und rechts zurückweichen und den Affe vertreiben (4X links, rechts, links, rechts)
7. Zuo Lan Que Wei Links den Sperling am Schwanz fassen
Zuo Peng Hebende Abwehr mit links
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
8. You Lan Que Wei Rechts den Sperling am Schwanz fassen
You Peng Hebende Abwehr mit rechts
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
9. Dan Bian Einfache Peitsche
10. Yun Shou Die Hände wie Wolken bewegen
11. Dan Bian Einfache Peitsche
12. Gao Tan Ma Das Pferd zügeln (auch: „Hoher Schlag auf das Pferd“)
13. You Deng Jiao Fersentritt mit rechts
14. Shuan Feng Guan Er Wind um die Ohren schlagen
15. Zhuan Shen Zuo Deng Jiao Körperdrehung und Fersentritt mit links
16. Zuo Xia Shi Du Li Aus der tiefen Stellung (wie: „Gehockte Peitsche“) auf ein Bein hochkommen (wie: „Der goldene Hahn steht auf einem Bein“) (links)
17. You Xia Shi Du Li Aus der tiefen Stellung (wie: „Gehockte Peitsche“) auf ein Bein hochkommen (wie: „Der goldene Hahn steht auf einem Bein“) (rechts)
18. Zou / You Cuan Zao Links / rechts Haltung beim Weben (wie: „Schöne Frau am Webstuhl“)
19. Hei Di Zen Die Nadel vom Meeresboden holen
20. Shan Tong Bei Den Fächer auffalten
21. Zhuan Shen Ban Lan Chui Körperdrehung, ableiten, umlenken und mit der Faust stoßen
22. Ru Feng Si Bi Hände zurückziehen und stoßen (als ob man eine Tür verschließt)
23. Shizi Shou Die Hände kreuzen
24. Shou Shi Abschluß / Beenden
Ablaufbeschreibung mit zahlreichen Bildern!
Die 37er – Form
Die 37er Form basiert auf der langen 108er Form im Yang-Stil und geht auf Chen Man Ching zurück, der die Kunst des TAI CHI CHUAN selbst bei der berühmten Yang-Familie erlernte.
Obwohl Chen Man Ching als hervorragender Kampfkunstexperte galt war er doch vorrangig Arzt. So verwundert es nicht, dass sein TAI CHI CHUAN gegenüber dem ursprünglichen Yang – Stil stärker den gesundheitlichen Aspekt der Übung betont. Bei der Entwicklung der 37er – Form hat Chen Man Ching nicht nur einige Wiederholungen innerhalb der Form weggelassen, einige Figuren der alten Langform hat er gänzlich aus dem Programm gestrichen, vermutlich weil sie ihm noch zu sehr am harten, kämpferischen auf Körperkraft (Li) beruhenden Aspekt orientiert waren. So steht die 37er Form für einen absolut auf die (wache) Entspannung (Song) ausgerichteten Bewegungsablauf.
Chen Man Ching war zugleich maßgeblicher Wegbereiter für die Verbreitung des TAI CHI CHUAN im Westen. In den 60iger Jahren unterrichtete er in den Vereinigten Staaten und später auch in Europa. Seine 37er – Form war in ihrer (relativen) Kürze und Überschaubarkeit im Blick auf die westliche Mentalität sicher ein wichtiger Grundstein dafür, dass sich TAI CHI CHUANheute auch hierzulande großer Beliebtheit erfreut. Neben der 24er Pekingform dürfte die 37er Form wohl die weltweit meistverbreitete TAI CHI CHUAN – Übungsfolge sein.
Wird im Blick auf die Formenübung der Gesundheitsaspekt in der Regel in den Vordergrund gestellt, so ist doch auch die 37er – Form ein elementares Übungselement einer Kampfkunst, die jedoch auf die innere Kraft (Jing) und nicht auf reine Technik und Muskelkraft setzt.
Die 37er Form ist in 3 Abschnitte unterteilt. Wiederholungen werden nicht gezählt, die übliche Zählweise der 37 Bilder ist hinter den jeweiligen Bildern aufgeführt
Bilder der 37er Kurzform im Yang – Stil
Teil 1
You bei shi Vorbereitung(1)
Qi Shi Das „Qi“ wecken (2)
Zuo Peng Hebende Abwehr nach links (3)
You Lan Que Wei Den Vogel am Schwanz fassen (4-7)
Peng Hebende Abwehr
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
Dan Bian Einfache Peitsche (8)
Ti Shou Shang Shi Die Hände heben (9)
Kao Schulterstoß(10)
Bei He Liang Chi Der Kranich breitet seine Flügel aus (11)
Lou Xi Ao Bu Kniestreifen und gedrehter Schritt (stoßen) (12)
Shou Hui Pipa Die Laute spielen (13)
Lou Xi Ao Bu Kniestreifen und gedrehter Schritt (stoßen)
Jing Bu Ban Lan Chui Schritt vorwärts, ableiten, umlenken und mit der Faust stoßen (14)
Ru Feng Si Bi Als ob man eine Tür verschließt (Hände zurückziehen und stoßen) (15)
Shizi Shou Hände kreuzen (16)
Teil 2
Bao Hu Gui Shan Den Tiger umarmen, zum Berg zurückkehren (17)
Lan Que Wei Den Vogel am Schwanz fassen
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
Xie Dan Bian Diagonale Peitsche
Zhou Di Kan Chui Faust unter dem Ellenbogen (18)
Dao Juan Hong Zurückweichen und den Affen vertreiben (19 - 20) (You / Zuo / You = rechts / links / rechts)
Xie Fei Shi Diagonales Fliegen (21)
Yun Shou Die Hände wie Wolken bewegen (22-23)
Dan Bian Einfache Peitsche
Dan Bian Xia She Tiefe einfache Peitsche (gehockte Peitsche) (24)
Jing Ji Du Li Der goldene Hahn steht auf einem Bein (25-26) (You / Zuo = rechts / links)
Zuo You Fen Jiao Fußkick nach links und rechts (27-28)
Zhuan Shen Deng Jiao Körperdrehung und Fersenkick (mit links) (29)
Lou Xi Ao Bu Kniestreifen und gedrehter Schritt (Zuo / You = links / rechts) (30)
Jing Bu Zai Chui Schritt vor und tiefer Fauststoß (31)
Jing Bu Lan Que Wei Schritt vor und den Vogel am Schwanz fassen
Peng Hebende Abwehr
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
Dan Bian Einfache Peitsche
Teil 3
Yu Nu Chuan Suo Schöne Frau am Webstuhl (in die 4 diagonalen Ecken) (32-33)
Zuo Peng Hebende Abwehr nach links
You Lan Que Wei Den Vogel am Schwanz fassen nach rechts
Peng Hebende Abwehr
Lü Zurückrollen
Ji Drücken
An Stoßen
Dan Bian Einfache Peitsche
Dan Bian Xia She Tiefe einfache Peitsche (gehockte Peitsche)
Shang Bu Qi Xing Stoß zu den sieben Sternen (34)
Tui Bu Kua Hu Zurückschreiten um den Tiger zu reiten (35)
Zhuan Shen Bai Lian Tui Körper drehen und Weißer Lotus – Kick (36)
Wang Gong She Hu Den Bogen spannen, auf den Tiger schießen (37)
Jing Bu Ban Lan Chui Schritt vorwärts, ableiten, umlenken und mit der Faust stoßen
Ru Feng Si Bi Als ob man eine Tür verschließt
Shizi Shou Hände kreuzen
Shou Shi Beenden
Ausführliche Ablaufbeschreibung mit zahlreichen Dartsellungen
Grundlage der Yang-Stil-Kurzformen ist die Langform, die sich je nach Zählweise aus 85 bis 108 Bildern bzw. Figuren zusammensetzt. Die Bilder bzw. Figuren im PDF - Format hier: